Spiegel, das Kätzchen von Gottfried Keller

Spiegel, das Kätzchen von Gottfried Keller

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Der Schrecksenmeister von Walter Moers ist eines meiner Lieblingsbücher. Was mir bis vor kurzem nicht bekannt war, ist die Tatsache, dass die Idee für das Buch auf dem Märchen Spiegel, das Kätzchen von Gottfried Keller beruht. Spiegel, das Kätzchen erschien im Jahr 1856 im ersten Band der Leute von Seldwyla. Ich habe mir das Buch gebraucht gekauft und gelesen. Im Folgenden möchte ich mich mit folgenden Punkten befassen:

Spiegel, das Kätzchen: Die Geschichte
Das Sprichwort: Der Katze den Schmer abkaufen
Spiegel, das Kätzchen und Der Schrecksenmeister

Spiegel, das Kätzchen: Die Geschichte

Der Kater Spiegel lebt in Seldwyla bei einer älteren Frau. Er lebt in Vergnügtheit und Klugheit und verdient sich Ruhm, in dem er das Haus mäusefrei hält. Er ist hübsch und anmutig, seinen Namen Spiegel trägt er wegen seinem glatten und glänzenden Pelz. Sein Leben scheint in bester Ordnung und er erfreut sich großer Beliebtheit.

Doch als seine Besitzerin eines Tages verstirbt, ändert sich sein Leben schlagartig. Zwar bietet er den Erben des Hauses seine treuen Dienste an, diese werden allerdings verschmäht.

„Da saß nun der arme Spiegel traurig und verlassen auf der steinernen Stufe vor der Haustüre und hatte niemand, der ihn hineinließ.“

Spiegel, das Kätzchen war nicht nur unglücklich, sondern bald schon sehr hungrig. Vorbei waren die Zeiten, als ihn die menschliche Hand fütterte. „Er machte zahlreiche Ausflüge von seiner Haustüre aus und stahl sich scheu und flüchtig über die Straße, um manchmal mit einem schlechten unappetitlichen Bissen, dergleichen er früher nie angesehen, manchmal mit gar nichts zurückzukehren.“

So wurde Spiegel von Tag zu Tag magerer. Er verlor all seinen Mut, aus dem einst stattlichen Kater war ein ängstliches und zerzaustes Wesen geworden. Eines Tages trifft Spiegel auf den Stadthexenmeister Pineiß, der ihm seinen Schmer abkaufen möchte.

Schmer ist ein altes Wort, das vielen vielleicht nicht geläufig ist. Daher sei hier kurz erwähnt, dass Schmer Bauchfett bedeutet.

Spiegel, das Kätzchen vermutet einen Witz, immerhin ist er so abgemagert, dass nicht viel Bauchfett an ihm dran ist. Doch Pineiß beliebt nicht zu scherzen:

„Ich brauche Katzenschmer vorzüglich zur Hexerei; aber er muss mir vertragsmäßig und freiwillig von den werten Herren Katzen abgetreten werden, sonst ist er unwirksam. Ich denke, wenn je ein wackeres Kätzlein in der Lage war, einen vorteilhaften Handel abzuschließen, so bist es du! Begib dich in meinen Dienst; ich füttere dich herrlich heraus, mache dich fett und kugelrund mit Würstchen und gebratenen Wachteln.“

Dem hungrigen Spiegel lief das Wasser im Maul zusammen. Aber er war klug genug, zu verhandeln, dass er seinen fett gefütterten Zustand etwas auskosten dürfe. Bis zum nächsten Vollmond war die Galgenfrist. Und so machte Spiegel, das Kätzchen einen Vertrag mit dem Hexenmeister und verkaufte ihm seinen Schmer.

Der Stadthexenmeister hielt Wort: Die feinsten Leckereien kredenzte er Spiegel, dem Kätzchen:

„Er baute daher für Spiegel eine ordentliche Landschaft in seiner Stube, indem er ein Wäldchen von Tannenbäumchen aufstellte, kleine Hügel von Steinen und Moos errichtete und einen kleinen See anlegte. Auf die Bäumchen setzte er duftig gebratene Lerchen, Finken, Meisen und Sperlinge, je nach der Jahreszeit, so dass da Spiegel immer etwas herunterzuholen und zu knabbern vorfand. In die kleinen Berge versteckte er in künstlichen Mauslöchern herrliche Mäuse, welche er sorgfältig mit Weizenmehl gemästet, dann ausgeweidet, mit zarten Speckriemchen gespickt und gebraten hatte. Einige dieser Mäuse konnte Spiegel mit der Hand hervorholen, andere waren zur Erhöhung des Vergnügens tiefer verborgen, aber an einen Faden gebunden, an welchem Spiegel sie behutsam hervorziehen musste, wenn er die Lustbarkeit einer nachgeahmten Jagd genießen wollte. Das Becken des Sees aber füllte Pineiß alle Tage mit frischer Milch, damit Spiegel in der süßen seinen Durst lösche, und ließ gebratene Gründlinge darin schwimmen, da er wusste, dass Katzen zuweilen auch die Fischerei lieben.“

All diese fetten Leckereien sollten dazu führen, dass Spiegel, das Kätzchen dem Hexenmeister einen ordentlichen Schmer lieferte. Doch Spiegel war schlau: Zunächst schlug er ordentlich zu und genoss die zubereiteten Speisen. Doch nachdem er wieder sein normales Gewicht erreicht hatte, begann er auf den Dächern und Speichern auf die Jagd zu gehen und ernährte sich, wie es seiner Gattung zusteht, von den erjagten Mäusen und Vögeln.

Natürlich blieb dem Hexenmeister Pineiß nicht verborgen, dass Spiegel, das Kätzchen sein Idealgewicht behielt und sich nicht von ihm mästen ließ. Auf den vermeintlichen Vertragsbruch angesprochen, erwidert Spiegel: „Ich weiß kein Sterbenswörtchen davon, dass in dem Kontrakt steht, ich solle der Mäßigkeit und einem gesunden Lebenswandel entsagen!“ Dass Spiegel mit dieser Aussage recht hat, weiß auch Pineiß. Daher gibt er sich widerwillig zufrieden und erklärt den schlauen Kater als fett genug. So hat Spiegel nur noch fünf Tage zu leben, denn dann würde der nächste Vollmond am Himmel stehen.

Doch er vergisst die Aussichten auf seinen bevorstehenden Tod schnell, als er auf eine Katzendame trifft, die ihn verführt. Doch Liebe und Leidenschaft fordern ihren Tribut. Als Spiegel pünktlich beim Hexenmeister erscheint, ist er magerer und zerzauster als jemals zuvor in seinem Leben. Wütend sperrt Pineiß den Kater in einen Käfig und beginnt ihn erneut zu mästen. Es dauert nicht lange und Spiegel hat wieder Fett angesetzt. Am Tag, an dem sein letztes Stündlein geschlagen hat, gelingt es ihm jedoch mit einer List, sein Leben zu retten und den Hexenmeister in Unglück zu stürzen. Mehr sei nicht verraten. 😉

Das Sprichwort: Der Katze den Schmer abkaufen

Spiegel, das Kätzchen trifft auf den Stadthexenmeister Pineiß, der ihn fragt: „Na, Katze! Soll ich dir deinen Schmer abkaufen?“ Darauf bezieht sich das bekannte Sprichwort „Der Katze den Schmer abkaufen“. Das Sprichwort bedeutet nichts anderes als „einen schlechten Handel machen“. Nach der Lektüre des Märchens von Gottfried Keller ist mir klar, wo das Sprichwort seinen Ursprung hat. Spiegel, das Kätzchen geht einen Vertrag mit dem Stadthexenmeister von Seldwyla ein und verkauft ihm seinen Schmer (Bauchfett), den dieser zur Hexerei braucht. Spiegel bezahlt nach Vertrag mit seinem Leben. Durch eine List und einen Handel gelingt es ihm jedoch sein Leben zu retten und den Hexenmeister zudem in sein Unglück zu stoßen. Daher hat der Hexenmeister der Katze zunächst den Schmer abgekauft und dann einen schlechten Handel gemacht.

Spiegel, das Kätzchen und Der Schrecksenmeister

Wie eingangs erwähnt beruht der Roman Der Schrecksenmeister von Walter Moers auf dem Märchen Spiegel, das Kätzchen von Gottfried Keller. Wer das Buch kennt und die Zusammenfassung über die Ursprungsversion gelesen hat, dürfte die Gemeinsamkeiten der Geschichte schnell finden. Während der Umfang von Der Schrecksenmeister bei 376 Seiten liegt, umfasst Spiegel, das Kätzchen nur 85 Seiten. Somit ist klar, dass Spiegel, das Kätzchen tatsächlich nur die Basis für die Geschichte vom Schrecksenmeister ist und Moers die Geschichte wesentlich weiterspinnt.

Nice to know: Ähnlichkeiten zwischen Spiegel, dem Kätzchen und Der Schrecksenmeister

  • Der Ort: Der Schrecksenmeister spielt in einem Ort namens Sledwaya. Die Geschichte von Spiegel, dem Kätzchen trägt sich in Seldwyla zu.
  • Der Hexenmeister: Der Hexenmeister wird von Moers zum Schrecksenmeister gemacht. Er trägt den Namen Eißpin, während Keller ihn Pineiß nannte.

Das Nachwort von Walter Moers

Im Nachwort steht geschrieben, dass Spiegel, das Kätzchen die Grundlage für den Schrecksenmeister bildet. Man muss es nur verstehen.

So schreibt Hildegunst von Mythenmetz, der die Geschichte erzählt:

  •  „Wer mich und meine Schriften ein wenig kennt, weiß, dass ich aus meiner Hochachtung für Gofid Letterkerl nie einen Hehl gemacht habe.“
  • „In jungen Jahren hat mir mein Dichtpate Danzelot immer wieder Letterkerls Echo, das Krätzchen vorgelesen, und seitdem hege ich eine besondere Vorliebe für diese schmale Märchennovelle.“
  • „Das Werk  von Gofid Letterkerl ist rechtefrei! Und: Wie kann man etwas stehlen, das allen gehört?“

So oder so: Ich kann die Lektüre von beiden Büchern nur empfehlen.

  Neugierig geworden?

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Ich bin Nicole. Bei revvet.de schreibe ich über unsere Mitbewohner auf vier Pfoten: Die beiden Katzen Shiva & Mogli und Zwergkaninchen Frodo. Was auch immer mir im Zusammenleben mit unseren Tieren interessant erscheint, findet hier seinen Platz. Kontakt über G+
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