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Immer wieder werde ich gefragt, wie es Mogli geht. 2015 erhielten wir die Diagnose Katzendiabetes. Seitdem sind wir mit ihm durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Heute möchte ich darüber schreiben, wie es uns ergangen ist. Ich habe diesen Artikel lange vor mir hergeschoben. Denn auch, wenn es einfach wirkt. Das ist es nicht. Wir sind an unsere Grenzen gestoßen. Finanziell, aber vor allem nervlich. Wir haben gekämpft. Geglaubt. Und verloren. Denn irgendwann haben wir begriffen: wir konnten ihn nicht loslassen. Wir haben getan, was immer wir konnten. Und am Ende wurde alles nur schlimmer. Und weil ich immer wieder Nachrichten von Katzenbesitzern bekomme, die verzweifelt klingen, habe ich mich dazu entschieden, unsere Geschichte aufzuschreiben. Denn manchmal verliert man den Weg vor lauter „machen“. Und manchmal ist es richtig, aufzuhören und loszulassen. Denn festhalten lässt sich das Leben nicht. Es hat eigene Pläne.

Vorweg: Dieser Text beruht auf unserer persönlichen Erfahrung und spiegelt meine Meinung wider. Deine Meinung kann davon abweichen. Das ist in Ordnung und gut so. Ich freue mich über ein höfliches Miteinander.

Die Diagnose

Alles begann mit einer Futtermittelallergie. Nachdem Mogli sich seine Ohren wiederholt aufgekratzt hatte, erhielt er eine Cortisonspritze. Am folgenden Tag baute er immer weiter ab. Er trank unvorstellbare Mengen und erbrach in selbem Maße. Sein Allgemeinzustand war schlecht. Wir fuhren zum Tierarzt. Ihm wurde erneut ein Medikament gespritzt – ich glaube, es war ein Mittel für den Magen. Wir sollten am nächsten Tag wiederkommen, wenn keine Besserung eintreten würde. So weit kam es nicht. In der Nacht erbrach Mogli Blut, konnte seinen Urin nicht mehr halten und war ein einziges Häufchen Elend. Wir fuhren in die Tierklinik. Ich war zu diesem Zeitpunkt schwanger und heulte Rotz und Wasser. Mogli blieb da. Wir wussten nicht, ob wir ihn wiedersehen würden. Am nächsten Tag bekamen wir den Anruf: Katzendiabetes. Sie würden ihn jetzt auf Insulin einstellen, wir könnten ihn sicher bald sehen. Wir waren unglaublich erleichtert. Denn er lebte und mit der Krankheit würden wir schon fertig werden.

Alles richtig gemacht?

Ich belas mich, saugte alle Informationen auf, die ich finden konnte. Schnell wusste ich, dass Diabeteskatzen in Remission gehen können. Unser Ziel war klar: wir wollten, dass unser Katerchen wieder gesund wird. Am besten noch, bevor unsere Tochter auf die Welt kam. Denn sie sollte einen „großen Kater“ haben und wir wollten ihn nicht verlieren. Ich wollte unbedingt alles richtig machen. Also suchte ich eine neue Tierärztin, die sich auf Katzendiabetes spezialisiert hatte. Ab diesem Zeitpunkt drehte sich bei uns alles um Mogli und seine Krankheit.

Wenn nichts hilft

Alle vier Stunden Blutzucker messen und füttern – auch in der Nacht. Alle 12 Stunden die Insulinspritze. Futterumstellung. Doch unser Kater ließ sich nicht einstellen. Dann begann er wieder, sich die Ohren aufzukratzen. Das schien der Grund, warum die Insulineinstellung nicht klappen wollte. Nichts half, bis wir ihm ein Mittel gaben, dass sein Immunsystem unterdrückte. Es folgte die Suche nach dem Auslöser. Mit viel Geduld fanden wir heraus, dass er auf Rind reagierte. Erneute Futterumstellung. Ich war gestresst, machte mir Sorgen. Um unseren Kater, aber auch um unser Baby. Nachdem die entzündeten Ohren verschwanden, würde es klappen. Wir waren uns sicher. Doch es klappte nicht. Es folgten unzählige Urinproben, Blasenentzündungen und ein Antibiotikum nach dem anderen. Parallel kämpften wir gegen zu hohe Ketone und infundierten unseren Kater regelmäßig. Und mehr als einmal glaubten wir, wir würden ihn verlieren. Doch wie durch ein Wunder schafften wir es immer wieder, ihm zu helfen.

Das Baby ist da

Die Schwangerschaft raste an uns vorbei. Für die Geburt gab es einen ausgeklügelten Kater-Betreuungsplan. Und dann war sie da: unsere Tochter. Wie sollten wir all das schaffen? Ein Baby und der kranke Kater. Dann kam ein multiresistenter Blasenkeim. Ich hatte Angst. Nicht nur um Mogli, sondern auch um unser Kind. Kurz davor die Koffer zu packen, fragte ich den Kinderarzt um Rat. Entwarnung seinerseits. Und gute Nachrichten von unserer Tierärztin: Es gab ein Antibiotikum. Ein Reserveantibiotikum. Wir spritzten es ihm.

Und Mogli?

Mogli war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr er selbst. Übellaunig drangsalierte er unsere zweite Katze und war ein richtiger Haustyrann. Es ging ihm nicht gut. Wen wundert es. Eines der vielen Antibiotika vertrug er nicht, spuckte Blut. Wir stoppten und schickten keine weitere Urinprobe ein. Bis heute. Wir reduzierten alle medizinischen Maßnahmen. Und siehe da: Mogli erholte sich. Unser Kater war wieder da. Wir meldeten uns nicht mehr bei unserer Tierärztin. Nach einiger Zeit fanden wir anderweitig Beratung, begannen anders zu spritzen und aufs Gramm genau zu füttern. Wir erhielten die besten Werte, die wir jemals gemessen hatten.

Heute

Trotz all unserer Bemühungen haben wir es nie geschafft, Mogli wirklich gut einzustellen. Es läuft immer eine Weile sehr gut, bis er entweder in den Unter- oder den Überzucker rutscht. Natürlich könnten wir ihn weiter auf den Kopf stellen: noch ein Blutbild, noch eine Urinprobe, noch eine Zahnuntersuchung, … Wir wollen nicht mehr. Wir können nicht mehr. Und ich glaube, damit spreche ich auch für unseren Kater. Es ist genug. Solange Moglis Zustand bleibt, wie er ist und er nach unserem Ermessen eine gute Lebensqualität hat, werden wir so weitermachen und möglichst wenig an ihm herumdoktern. Sollte sich sein Zustand verändern, wird sich zeigen, was wir für ihn tun können – oder eben auch nicht.

So traurig es ist

Ich konnte mir ein Leben ohne meinen Herzenskater nicht vorstellen. Heute kann ich es. Es wird schlimm werden und furchtbar traurig. Aber es wird auch eine Erleichterung sein. Und ja: man darf das sagen. Wir werden den Weg mit unserem Mogli gehen. Bis zum bitteren Ende. Weil wir ihn lieben und er zu unserer Familie gehört. Aber wir werden auch froh sein, wenn wir die Verantwortung und die Belastung durch seine Erkrankung nicht mehr auf unseren Schultern wissen.

Was ich mit diesem Text sagen will

Manchmal hat man vielleicht das Gefühl, dass Tierbesitzer sich nicht genügend um ihr Tier kümmern. Dass Entscheidungen leichtfertig getroffen werden, die vielleicht nicht rückgängig zu machen sind. Häufig kommt es mir aber so vor, dass zu sehr auf das Tier geschaut wird. Dass das Tier zum Ersatz für was auch immer wird. Studien belegen, dass Besitzer von chronisch kranken Tieren häufig an Depressionen leiden.* Die Pflege fordert viel und man ist häufig allein mit einer Aufgabe, auf die einen niemand vorbereitet hat. Und es ist in Ordnung, wenn man das nicht leisten kann. Es ist okay, nur das zu tun, was nötig ist und nicht mehr. Und es ist auch okay zu sagen, man schafft es nicht. Man kann nicht mehr.

Man hat eine Verantwortung übernommen, das ist Fakt. Diese Verantwortung bedeutet aber im Zweifel, eine Lösung zu suchen, mit der es Tier und Mensch gut geht. Denn, wenn am Ende alles um einen herum zerbricht, ist niemandem geholfen. Es ist wie mit allem Leben: zu schnell werden Urteile gefällt. Wenn wir alle ein wenig mehr auf unser Gegenüber schauen würden und unsere Unterstützung anbieten, anstatt den Zeigefinger zu heben. Wenn wir andere Meinungen gelten lassen und aufhören zu verurteilen. Ja dann: wäre die Welt um uns herum netter und wir alle weniger allein.

*https://www.welt.de/gesundheit/article168796832/So-stark-belastet-ein-krankes-Haustier-den-Besitzer.html, Abruf 29.01.19

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2 KOMMENTARE
  1. Ich bin traurig zu lesen, wie überfordert Du mit dem Kater warst. Ich habe auch eine diabetische Katze und wir leben fröhlich vor uns hin, haben uns mit den Spritzzeiten abgefunden und schaffen alle 4-6 Monate eine schwere chronische Pankreatits. Nach drei Wochen ist der Spuk vorbei und meine Katze genießt ihr Leben. In dieser Woche pflügte meine alte Lady mit fast 18 Jahren durch den selten Schnee und war sehr glücklich! Aber: Ich habe auch kein Baby! Aber ich habe ein tolles Forum, daß hilft, mich auffängt und meine Katze weiß ich immer in sicheren Händen, mit wissenschaftlich fundierten Grundlagen!
    Ich kann es Dir und allen anderen Katzendiabetesmenschen nur ans Herz legen, sich dort anzumelden.
    Schaue mal auf die Seite vom Diabeteskatzenvolk.

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