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Es ist Samstagmorgen. Pünktlich um halb sieben klingelt unser Wecker. Wie immer. Egal, ob Wochenende ist oder nicht – unser Kater Mogli braucht sein Insulin. Er ist Diabetiker. Und er steht auch schon auffordernd vor uns. Wartet auf das, was kommt. Er mag es nicht. Aber er lässt es sich gefallen. Vielleicht, weil er weiß, dass es wichtig für ihn ist. Vielleicht, weil er sich daran gewöhnt hat.

Müde schnappen wir uns Blutzuckermessgerät, Teststreifen und Lanzette. Dann den Kater. Ein halbherziges Knurren und dann haben wir einen Blutstropfen aus seinem Ohr. Seinem Ohr, das genau sehen lässt, dass er Diabetiker ist. Das regelmäßige Blutzuckermessen hinterlässt Spuren. Ein kurzes Piepsen und der Zuckerwert wird angezeigt. Noch ein Piepsen und einen Keton-Messstreifen später kann gefüttert werden.

Es ist wichtig, dass er frisst. Sonst können wir ihm kein Insulin spritzen. Frisst er nicht, könnte das Insulin zu einer Unterzuckerung führen. Mogli teilt sich sein Fressen ein. Die Hälfte frisst er vor der Spritze, die andere Hälfte danach. Manchmal möchte er im Wohnzimmer fressen, anstatt in der Küche. Wir lassen es ihm durchgehen. Er hat Sonderrechte. Hauptsache er frisst. Und er frisst viel. Dennoch gleicht er eher einem Schlauch als dem Kater, der er einmal war. So dünn. Zu dünn.

Dann die Spritze – seitlich unter die Rippen, unter die Haut. Im Anschluss ein Leckerli – das hat er sich verdient. Jetzt hat er es geschafft. Bis es in vier Stunden wieder heißt: Pieksidipieks – unser Schlachtruf zum Blutzuckermessen. Alle vier Stunden: Messen und fressen. Anfangs so oft wie möglich – auch in der Nacht. Mittlerweile nach Bedarf. An einem normalen Tag messen wir dreimal. Fressen muss er dennoch alle vier Stunden. Ohne Futterautomaten kaum machbar.

Alle zwölf Stunden kommt die Insulinspritze dazu. Termine und Verabredungen bauen wir um die Spritzen herum. Verständnis bekommen wir manchmal – manchmal auch nicht. Man kann die unausgesprochenen Worte fast greifen: Soviel Aufwand für eine Katze. Ja, es ist Aufwand. Ja, es ist eine Katze. Es ist unsere Katze. Unser Kater, für den wir die Verantwortung übernommen haben. Unser Kater, der für uns ein Familienmitglied ist.

Wir hätten es uns einfach machen können. Hätten zweimal am Tag Insulin spritzen können. Ohne Kontrolle, was wir tun. Ziemlich sicher mit tödlichem Ausgang. Aber wir machen es uns nicht einfach. Wir versuchen, die Krankheit zu verstehen. Eine Basis, auf der wir Entscheidungen treffen können. Denn mit einer Diabeteskatze trägt man selbst die Verantwortung. Man geht nicht zum Tierarzt, erhält ein Medikament und eine Woche später ist wieder alles gut. Die Krankheit ist chronisch. Die Behandlung findet zu Hause statt.

Nicht nur einmal hatten wir das Gefühl, wir könnten Mogli aus Versehen umbringen. Zuviel Insulin. Zuwenig Insulin. Zu hoher Blutzucker. Zu hohe Ketone. Und wieder eine Blasenentzündung. Der Zucker wird über den Urin ausgeschieden. Bakterien aus dem Darm folgen der süßen Spur. Ein leichtes Spiel. Seit der Diabetes-Diagnose hatten wir mehr Tage mit Antibiotikum als ohne. Tabletten sind hierbei Luxus. Meist muss auch das Antibiotikum gespritzt werden. Gut, dass wir schon Übung haben. Und einen Untersuchungsbeutel, in dem wir unseren Kater fixieren können.

Am Abend bekommt Mogli im Moment immer eine Infusion. 100 Milliliter Natriumchlorid. Subkutan – unter die Haut. Durch die Blasenentzündung sind die Ketone zu hoch. Sie müssen runter. Andernfalls droht eine Ketoazidose – meist tödlich. Leckerli für Leckerli wandert in das Maul unseres Katers. Tropfen für Tropfen fließt die Infusionsflüssigkeit in seinen Körper. Am Ende hat er an der Seite eine kleine Beule. Ein Flüssigkeitsdepot, damit er nicht austrocknet. Dennoch sitzt er nur Minuten später in der Badewanne und verlangt, dass wir den Wasserhahn öffnen. Hier trinkt er am liebsten. Der Katzenbrunnen dient nur zur Notfallversorgung.

Um 23 Uhr erfolgt unsere letzte Messung für den heutigen Tag. Der Futterautomat wird für die Nacht befüllt. Müde gehen wir ins Bett – bis am nächsten Morgen wieder der Wecker um halb sieben klingelt.

Hintergrund

Seit über sieben Monaten leben wir jetzt mit Moglis Erkrankung. Seit der Diagnose gab es mehr Rückschläge als Erfolge. Die Insulineinstellung ist schwieriger als gedacht. Immer wieder kämpfen wir mit Harnwegsinfekten und zu hohen Keton-Werten. Aber wir laufen und laufen – geben nicht auf. Wir wachsen über uns hinaus – immer und immer wieder. Tun Dinge, die wir nicht für möglich gehalten haben.  Manchmal funktionieren wir nur noch. Wenn alles zu viel wird. Wenn alles hoffnungslos erscheint. Wenn wir an unsere Grenzen kommen. Und doch: Es lohnt sich! Jeder Tag, an dem es Mogli gut geht, ist es wert. Jeder Moment, den wir mit ihm verbringen dürfen. Und wir hoffen. Hoffen, dass am Ende doch noch alles gut wird.

Und in vielen Fällen wird es gut. In vielen Fällen schafft man es, die Katze insulinfrei zu bekommen. Remission nennt das der Fachmann. Manchmal geht es schnell. Manchmal dauert es auch seine Zeit. Immer wieder lesen wir von Fällen, bei denen es geklappt hat. Und immer wieder schöpfen wir Hoffnung. Denn manchmal muss etwas erst richtig schlecht werden, bevor es gut werden kann. Sagt man.

risikotest diabetes teaser

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Ich bin Nicole. Bei revvet.de schreibe ich über unsere Mitbewohner auf vier Pfoten: Die beiden Katzen Shiva & Mogli und Zwergkaninchen Frodo. Was auch immer mir im Zusammenleben mit unseren Tieren interessant erscheint, findet hier seinen Platz. Kontakt über G+
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