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Jobverlust, Arbeitsunfähigkeit oder Altersarmut – eine finanzielle Notlage ist schneller da, als man denkt. Wenn man seine eigenen Lebenshaltungskosten nur mit Mühe decken kann, stellt sich schnell die Frage, womit der Futternapf des Haustiers gefüllt werden soll. Das Tier abgeben, weil man die Kosten nicht mehr tragen kann, ist wohl der Albtraum eines jeden Haustierbesitzers. In München gibt es einen Verein, der das verhindern will: Die Tiertafel.

Andrea de Mello, Leiterin der Tiertafel, erzählt uns im Interview, wie der Verein bedürftigen Münchnern und ihren vierbeinigen Gefährten hilft.

Frau de Mello, wie unterstützt die Münchner Tiertafel bedürftige Haustierbesitzer?

Angemeldete Tierbesitzer erhalten von uns alle zwei Wochen Futter für ihr Tier. Das reicht für ungefähr zehn Tage. Es deckt also nicht den kompletten Bedarf und das ist pure Absicht. Wir wollen den Menschen nicht die Verantwortung für ihr Tier abnehmen. Unser Angebot soll eine Erleichterung für sie sein. Eine Ausnahme machen wir bei chronisch kranken Tieren, die ein spezielles Futter benötigen. Für diese Tiere gibt es Rundum-sorglos-Paket; denn es nützt nichts, wenn sie zehn Tage das richtige Futter bekommen und die restliche Zeit nicht.

„Wir wollen den Menschen nicht die Verantwortung für ihr Tier abnehmen. Unser Angebot soll eine Erleichterung für sie sein.“

Welche Krankheiten sind das?

Wir haben zum Beispiel einen Diabeteshund, der spezielles Futter braucht. Häufig haben wir Nierenkranke oder Blasen- und Harnsteine. Und es gibt viele Tiere mit Futterunverträglichkeiten. Die kommen zum Teil in gruseligen Zuständen zu uns, weil die Halter kein Geld haben, um eine Ausschlussdiät zu machen. Die Tiere kratzen sich blutig. Es gab mal einen Fall, der konnte kaum stehen, weil die Füße so entzündet waren. Bei solchen Tieren muss man erst mal herausfinden, gegen was sie allergisch sind. Wenn wir das schaffen und den Tieren helfen können, ist das natürlich sensationell.

Hier wird dann also eine Ausschlussdiät durchgeführt?

Ja, wir begleiten das mit tierärztlicher Unterstützung. Wir haben hier bei der Tiertafel alle vier Wochen Unterstützung von der Tierärztin Susanne Jahn. Aber wir arbeiten natürlich auch mit den Haustierärzten zusammen, weil die die Tiere am besten kennen.

Tierarztbesuche können schnell teuer werden…

Genau, deshalb unterstützen wir unsere Tierhalter auch bei den Tierarztkosten. Wenn jemand neu zu uns kommt, haben wir hierfür allerdings eine Wartezeit von drei Monaten. Die Neuanmeldungen sind aber oft krank, weil die Tierhalter erst in dieser Notsituation von uns erfahren. Daher mussten wir im letzten Jahr häufiger sofort Geld in die Hand nehmen, weil die Leute mit sehr kranken Tieren kamen. Aber das ist die Ausnahme. Anders ist es auch nicht möglich. Wir leben nur von Spenden und könnten die Kosten sonst nicht decken.

Werden die Tierarztkosten komplett übernommen?

Nein, das können wir nicht. Die Tierhalter müssen immer einen Eigenanteil tragen. Wir können nur bezuschussen. Anders sieht es aus, wenn große Operationen anstehen, die sehr teuer sind. In solchen Fällen starten wir auch mal einen separaten Spendenaufruf – explizit für dieses Tier.

Was müssen Tierhalter tun, um Hilfe von der Tiertafel München zu bekommen?

Der Haustierhalter muss persönlich zu uns kommen und sich ausweisen. Wir nehmen dann auf, welche Tiere im Haus sind und ob es Besonderheiten gibt. Zum Beispiel, ob Krankheiten vorliegen, die ein spezielles Futter erfordern. Das muss vom Tierarzt bestätigt werden. Dann muss er natürlich seine Bedürftigkeit nachweisen und dass das Tier nicht in der Bedürftigkeit angeschafft wurde.

Das Tier darf nicht in der Bedürftigkeit angeschafft werden?

Nein, wir unterstützen keine Neuanschaffungen. Denn ein Tier kostet Geld und wenn es kaum für den eigenen Lebensunterhalt reicht, muss man sich wahnsinnig gut überlegen, ob man ein Tier bei sich aufnimmt.

„Wir unterstützen keine Neuanschaffungen. Denn ein Tier kostet Geld und wenn es kaum für den eigenen Lebensunterhalt reicht, muss man sich wahnsinnig gut überlegen, ob man ein Tier bei sich aufnimmt.“

Wie unterstützt die Tiertafel noch?

Die Tiertafel ist auch zu einem sozialen Treffpunkt geworden. Die Hundebesitzer kommen beim Gassi gehen noch in Kontakt mit anderen Menschen. Aber gerade die Katzenbesitzer vereinsamen zu Hause. Speziell die Rentner, wenn der Partner verstorben ist. Die müssen mit den Katzen natürlich nicht raus. Wir haben jeden zweiten Samstag von 11 bis 15 Uhr geöffnet. Die Leute kommen zum Teil schon um halb zehn her. Wir stellen Bierbankgarnituren auf, damit sie sich unterhalten und austauschen können. So bekommen wir auch die Katzenbesitzer wieder vor die Tür, wenn sie das Futter holen. Das finden wir richtig klasse!

Woher bekommen Sie die Futterspenden?

Viele denken privat an uns: Wenn das Tier verstorben ist, bringen sie uns die Sachen, die übrig sind. Auch bei Futterunverträglichkeiten oder wenn bestimmte Sachen nicht mehr gefressen werden dürfen, bekommen wir häufig Futter. Ein Großteil kommt über Spendenboxen. Wir haben eigene Spendenboxen in den Dehner-Märkten und beim Futterhaus. Und wir dürfen bei Fressnapf etwa die Hälfte der Boxen leeren. Und dann haben wir natürlich Kontakt zu Herstellern. Kürzlich haben wir zum Beispiel eine Charge Terra Canis-Futter ohne Etikett bekommen, weil die Etikettier Maschine gesponnen hat. Auf dem Deckel stehen Haltbarkeitsdatum und Inhalt drauf, aber verkauft werden kann es nicht. Über sowas freuen wir uns dann natürlich.

Decken die Futterspenden den Bedarf?

Wir müssen in jedem Fall Spezialfutter dazu kaufen, da reichen die Spenden nicht mehr aus. Ansonsten versuchen wir kein Futter zu kaufen, denn die Bargeldspenden gehen in Tierarztkosten, Zuschüsse und in Vorsorge. Wir zehren bis Mai von den Futterspenden aus der Weihnachtszeit. In der Zeit von November bis Januar wird am meisten gespendet. Urlaubszeit ist für uns Saure Gurken-Zeit, weil die Spender dann in Urlaub sind. Wir müssen einfach zusehen, dass es reicht und die Rationen entsprechend zusammenstellen. Nassfutter wird immer weniger gespendet als Trockenfutter. Wenn es dann mal nicht reicht, dann wird reduziert. Das heißt, die Leute kriegen dann entsprechend weniger Nassfutter, aber die Ration wird mit Trockenfutter aufgestockt. Es muss improvisiert werden, aber hungrig geht niemand! Wenn nicht drei Tonnen Futter im Lager liegen, dann kann ich nicht schlafen. Das muss einfach da sein, sonst haben wir ein Problem.

„Es muss improvisiert werden, aber hungrig geht niemand!“

Drei Tonnen Futter – wie lange reichen die?

Wir brauchen mittlerweile über eineinhalb Tonnen Futter jeden Monat – also über 1500 Kilo. Mit drei Tonnen können wir also knapp zwei Monate überbrücken. Fast 600 Menschen mit über 750 Tieren bekommen Unterstützung von uns. Hunde und Katzen sind unsere Hauptabnehmer – die Anzahl ist in etwa gleich. Hinzu kommt noch eine Handvoll Nager und Vögel.

Die Tiertafel in Zahlen: 1,5 Tonnen Futter im Monat – 600 Menschen – 750 Tiere.

Wenn jemand mit anpacken möchte – was muss er tun?

Sich unbedingt melden – wir brauchen immer helfende Hände! Einfach eine E-Mail an info@tiertafelmuenchen.de schreiben. Wer bei uns helfen will, muss unglaublich verlässlich und belastbar sein. Die Arbeit hier bedeutet mehr als Hunde streicheln und Leckerlis geben. Das gehört zwar auch dazu, aber man darf nicht vergessen, dass man es mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu tun hat. Jeder bringt seine eigenen Probleme mit. Und alle sind um ihr Tier besorgt und wollen dafür natürlich das Beste. Und man muss auch mal 15 Kilo Futtersäcke tragen und kann sich über kurz oder lang von langen Fingernägeln verabschieden.

Wie kann man der Tiertafel sonst noch helfen?

Man kann natürlich Futter und Zubehör spenden oder uns finanziell unterstützen. Man kann aber auch einfach weitererzählen, was wir tun. Das unterstützt uns sehr und ist uns wichtig! Einfach, damit die Leute wissen: Es gibt die Tiertafel und da wird geholfen. Unsere oberste Priorität ist, dass man sich nicht von seinem Tier trennen muss. Den Tieren geht es zu Hause gut und da sollen sie bleiben.


„Unsere oberste Priorität ist, dass man sich nicht von seinem Tier trennen muss. Den Tieren geht es zu Hause gut und da sollen sie bleiben.“

Frau de Mello, wie sind Sie zur Tiertafel gekommen und was motiviert sie?

Ich bin jetzt seit vier Jahren bei der Tiertafel. Damals ist einer meiner beiden Hunde verstorben. Ich habe überlegt, was ich mit den doppelten Sachen und dem Futter, das nicht gefressen wird, mache. So bin ich auf die Tiertafel gestoßen und war auch gleich angefixt. Wenn man in einer reichen Stadt wie München hinten runterfällt, dann ist es wirklich schwierig. Und es trifft leider häufig die Rentner und die Erwerbsunfähigen. Menschen, die eh kaum am sozialen Leben teilnehmen können. Für mich war schnell klar: Futter alleine ist es nicht, da muss Herzblut rein. Ich habe immer ehrenamtlich gearbeitet und war vorher lange Jahre bei der Aidshilfe. Die Arbeit bei der Tiertafel ist für mich besonders, weil man nicht nur den Tieren hilft, sondern auch den Menschen. Dafür investiere ich gerne meine private Zeit. Alle Helfer hier sind Vollzeit berufstätig und wuppen eigentlich die Tiertafel in der Mittagspause, am Wochenende und nach Feierabend. Im Oktober haben wir den Bayrischen Tierschutzpreis 2015 bekommen. Das war eine super Anerkennung und motiviert uns sehr.


„Für mich war schnell klar: Futter alleine ist es nicht, da muss Herzblut rein.“

Sie möchten helfen?

Futter- und Sachspenden

Donnerstags zwischen 19 Uhr und 20 Uhr und an den Ausgabe-Samstagen von 11 Uhr bis 15 Uhr können Spenden bei der Tiertafel in der Schwere-Reiter-Str. 2 abgegeben werden.
Oder sie werfen Ihre Futterspende in eine der Spendenboxen. Eine Liste und weitere Informationen finden Sie hier: http://www.tiertafelmuenchen.de/futter-und-sachspenden/

Geldspenden

Tiertafel1Tiertafel München e.V.
Konto-Nr: 98 98 900
BLZ: 700 205 00
Bank für Sozialwirtschaft München
IBAN: DE31 7002 0500 0009 8989 00
BIC: BFSWDE33MUE
Sie brauchen Hilfe?

Alle Informationen finden Sie hier: http://www.tiertafelmuenchen.de

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