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Ich betrete nichtsahnend das Schlafzimmer. Mein Blick wandert zum Bett. Irgendetwas stimmt hier nicht. Beim näheren Hinsehen bemerke ich, dass die Bettdecke nicht ordentlich an ihrem Platz liegt. Das wundert mich noch nicht, mein Kater Mogli verstckt sich hier gerne, um ein Nickerchen zu halten. Dieses Mal hat er sich allerdings nicht versteckt, um zu schlafen. Offensichtlich hat er Diebesgut in Sicherheit gebracht. Als ich die Decke glatt streichen will, finde ich einen Beutel mit Katzennassfutter. Er weist Kratz- und Beißspuren auf. Es scheint, als hätte der Kater das Beutelchen mit chirurgischer Präzision geöffnet. Es ist leer. Dafür sind Laken und Bettdecke mit Katzenfutterspuren beschmiert. Und ich frage mich, was wohl im Kopf des kleinen Katers vor sich geht.

Drei Wochen zuvor

Mogli liegt auf seinem Kratzbaum. Hier liegt er am liebsten, denn von der obersten Plattform hat er alles im Blick. Die Sonne scheint durch das Fenster und halbherzig beginnt er, seine linke Pfote zu putzen. Dann hört er die typischen Geräusche aus der Küche: das Öffnen von Schranktüren, das Klappern von Schälchen, das Ritsch-Ratsch der Portionsbeutel. Es ist Fütterungszeit. Wie immer. Mogli mag sein Leben. Aber manchmal fragt er sich, ob es nicht etwas mehr Aufregung vertragen könnte. Dann das Miauen seiner Mitbewohnerin Shiva. Das Abstellen der Schälchen und der vertraute Klang einer menschlichen Stimme, die ihn zum Essen ruft. Gelangweilt macht er sich auf den Weg. Heute steht Huhn auf dem Speiseplan. Lecker ist es schon, aber dabei frei von Spannung. Keine Jagd, die der Mahlzeit vorausgeht. Stattdessen die allabendliche Pirsch auf die Spielzeugmaus. Beim Gedanken daran stößt er ein  Knurren aus. Für einen Kater wie ihn muss es doch noch mehr geben. Immerhin waren seine Vorfahren echte Mäusejäger. Aber er ist ein Wohnungskater – wo soll er eine Maus finden, die er fangen könnte? Nachdenklich macht er es sich wieder auf seinem Kratzbaum bequem. Nach dem Essen ist er in der richtigen Verfassung für ein kleines Schläfchen.

spielzeugmaus

Plötzlich weckt ihn ein seltsames Geräusch. Es klingt ein bisschen wie ein Schnattern. Neugierig erhebt er sich und läuft in Richtung der seltsamen Klänge. Als Quelle macht er Shiva aus. Sie sitzt vor der Balkontür und schnattert. Den Blick fest auf einen Baum geheftet, in dem ein Vogel sitzt. Fragend schaut er sie an. Was tut seine Mitbewohnerin da bloß – ob sie verrückt geworden ist? Als Shiva ihn bemerkt, faucht sie ihn an: „Stör mich nicht, ich observiere den Vogel da drüben im Baum. Siehst du ihn?“ Mogli nickt. „Es ist so frustrierend. Ich sehe ihn, ich höre sein Gezwitscher und nur zu gerne würde ich ihn fangen und ihn in den Nacken beißen. Aber ich komme nicht hin.“ Als wüsste das Vögelchen um sein Glück, fängt es fröhlich an zu singen und fliegt davon. Seufzend wendet Shiva sich ab. Mogli möchte das merkwürdige Verhalten der Katze verstehen und läuft ihr nach. Im Gegensatz zu ihm hat Shiva eine Zeitlang auf der Straße gelebt. Als Fundtier wurde sie aufgegriffen und ins Tierheim gebracht. Trächtig war sie und von einem Katzenschnupfen geplagt. Der Vater ihrer Kätzchen hatte sich aus dem Staub gemacht und sie war auf sich allein gestellt. So aufregend Mogli ihre Geschichte fand, so ungern sprach Shiva darüber. Sie war froh, dass sie bei lieben Menschen gelandet war. Sie wollte nicht mehr raus und war zufrieden, ein sicheres Plätzchen gefunden zu haben. Auf sein Drängen erzählt sie ihm von der Jagd. Wenn einmal eine Beute gefangen ist, muss sie getötet werden. Ein gezielter Biss mit den scharfen Eckzähnen in den Nacken und die Mahlzeit ist angerichtet. Damit der Biss präzise trifft, wird er von einer Serie schneller Kieferbewegungen begleitet. „Wenn nun das Vögelchen auf dem Baum sitzt, macht mein Kiefer automatisch diese Bewegungen. Scheint ein Reflex zu sein. Und dann klinge ich, als würde ich schnattern.“ Achselzuckend beginnt sie sich zu putzen.

Nach dem Gespräch mit Shiva ist Mogli frustriert. Er würde nie etwas Lebendiges jagen können. Shiva bemerkt die Stimmung ihres Kumpels und versucht ihn zu beruhigen. Sie erzählt ihm, dass er der bessere Insektenjäger von ihnen beiden sei. Sie sagt ihm, dass keine Stubenfliege eine Chance hätte, ihm zu entkommen. Und sie erinnert ihn an die gemeisame Jagd auf eine riesengroße Spinne. Gegenseitig hatten sie sich das Tier immer wieder zugespielt, um ihre Fähigkeiten zu trainieren. Kurzum: Mogli war in ihren Augen ein großartiger Jäger. Er selbst war davon zwar nicht überzeugt, aber seine Laune besserte sich. Er hatte einen Plan gefasst. Wenn er keine Mäuse würde fangen können, musste er sich andere Jagdobjekte suchen. Vielleicht waren diese nicht lebendig. Aber immerhin wurden diese von ihren Menschen überwacht. Und die waren viel größer als eine Maus. Also war die Jagd nach der Beute viel anspruchsvoller als auf ein kleines Nagetier. Die Ausarbeitung seines Plans war anstrengend und so streckte er sich noch mal ausgiebig, bevor er sich für ein Schläfchen zusammenrollte.

Am nächsten Tag wollte Mogli seinen Plan in die Tat umsetzen. Er wollte alles an Katzennahrung klauen, was er zwischen seine Pfoten bekam. Aus ihm würde ein Meisterdieb werden. Und so schnappte er sich alles, was nur kurz unbeachtet war: Nassfutter-Beutel, ganze Leckerli-Tüten und ähnliches. Doch jedes Mal wurde er früher oder später erwischt. Sogar Beweisvideos gab es von seinen Diebestouren:

Doch eines Tages gelang es ihm: Er sah einen unbeachteten Beutel Nassfutter. Geschmacksrichtung Rind in Tomate. Aufgeregt lief er los, schnappte sich den Beutel und rannte in Richtung Schlafzimmer. Er hatte es geschafft. Keiner hatte ihn bemerkt und er versteckte sich mit seiner Beute unter der Decke. Dort atmete er zufrieden durch. Sie würden ihn erst finden, wenn er seine Tat vollbracht hatte. Gezielt setzte er seine Eckzähne ein, um den Beutel zu öffnen. Wenn das kein guter Tötungsbiss war. Dann schlitzte er den Beutel mit seinen scharfen Krallen auf und zog ihn mit seinen Schneidezähnen auseinander. Zufrieden machte er sich über seine Beute her und genoss seinen Zwischensnack. Danach verließ er satt sein Versteck und sprang auf seinen Kratzbaum. Nach einer kurzen Katzenwäsche schlief er ein. So eine Jagd ist eben anstrengend.

Ein kleiner Kater auf Diebestour

Die Menschensicht

Von den Gedankengängen meines Katers wusste ich natürlich nichts, als ich das Bett frisch bezog. Schmunzelnd musste ich daran denken, was Mogli schon alles versucht hatte, zu klauen. Heute war es ihm gelungen und ich gönnte ihm den Spaß. Zufrieden schnurrend lag er auf der Kommode gegenüber vom Bett und beobachtete mich bei der Arbeit. Und mir wurde klar, dass ich in Zukunft noch besser auf das Katzenfutter würde aufpassen müssen.

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Ich bin Nicole. Bei revvet.de schreibe ich über unsere Mitbewohner auf vier Pfoten: Die beiden Katzen Shiva & Mogli und Zwergkaninchen Frodo. Was auch immer mir im Zusammenleben mit unseren Tieren interessant erscheint, findet hier seinen Platz. Kontakt über G+
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