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Wenn sich ein Baby ankündigt, stellt das alles auf den Kopf. Aber nicht nur für uns Menschen, auch für unsere Stubentiger verändert sich einiges. Auf einmal ist da ein Mini-Mensch, der ohrenbetäubend brüllt. Die Aufmerksamkeit der menschlichen Bezugspersonen muss geteilt werden. Nicht zuletzt wird die Katze vielleicht mit neuen Regeln konfrontiert. Und schon hat man als Katzenbesitzer tausend Fragen im Kopf. Wir haben bei Katzenpsychologin Katja Rüssel nachgefragt, wie man seine Katze auf das neue Familienmitglied vorbereiten kann.

Frau Rüssel, merken Katzen bereits während der Schwangerschaft, dass eine Veränderung bevorsteht?

Ich denke schon. Die Sinne von Katzen sind deutlich feiner als unsere. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie die hormonellen Veränderungen des Körpers wahrnehmen können, zum Beispiel an dem Geruch von Schweiß und Körperausdünstungen. Außerdem werden Katzen vielleicht Veränderungen im Verhalten der Frau bemerken. Gerade dann, wenn diese Sorgen während der Schwangerschaft hat.

Katzen haben auch ein deutlich besseres Gehör als wir. Wie reagieren sie auf das Schreien eines Babys?

Die meisten Katzen sind irritiert, denn das Schreien tritt häufig sehr unerwartet auf und die Lautstärke ist wirklich extrem. Das Baby drückt damit eine Notlage aus, vielleicht hat es Hunger oder braucht Nähe. Es ist also sinnvoll, dass das Schreien laut ist, damit die Mutter es hört. Für die Katze und ihre empfindlichen Ohren ist es aber natürlich eine Belastung. Deswegen würde ich empfehlen, die Katze bereits während der Schwangerschaft an das Babygeschrei zu gewöhnen.

„Deswegen würde ich empfehlen, die Katze bereits während der Schwangerschaft an das Babygeschrei zu gewöhnen.“

Wie kann man seine Katze denn an das Babygeschrei gewöhnen?

Mit Tonbandaufnahmen, man findet sicherlich genügend im Internet. Die Aufnahmen kann man laufen lassen – erst mal nur leise, später dann etwas lauter und vielleicht auch von verschiedenen Kindern mit verschiedenen Tonlagen. Währenddessen sollte man die Katze mit Leckerlis positiv konditionieren. So kann man die Zeit der Schwangerschaft nutzen, um seine Katze vorzubereiten. Dann ist das Geräusch nicht neu und es ist nicht alles von heute auf morgen anders.

Katzen mögen keine geschlossenen Türen. Wie bringt man der Katze bei, dass sie nicht mehr zu jedem Zimmer Zutritt hat?

Zumindest phasenweise wird das Kinderzimmer für die Katze tabu sein. Viele Katzen kennen es aber nicht, dass Türen auch mal geschlossen sind. Ich würde ganz klassisch üben und mehrmals am Tag einfach mal eine Tür zumachen. Immer, wenn die Katze entspannt ist, in unterschiedlichen Situationen. Dann kann sie lernen, dass es nicht schlimm ist, wenn die Tür mal verschlossen ist. Wichtig ist, die Katze nicht rauszusperren. Möchte man die Katze in einem Raum haben, lockt man sie und bietet ihr dort etwas Tolles an. So verliert es den Bestrafungscharakter.

„Ich würde ganz klassisch üben und mehrmals am Tag einfach mal eine Tür zumachen.“

Und wenn die Katzen bisher im Schlafzimmer geschlafen haben?

Auch in diesem Fall sollte man bereits während der Schwangerschaft üben. Es empfiehlt sich, mit Gittertüren zu arbeiten. Man kann davon auch zwei übereinander einspannen. Mit den Gittertüren verwehrt man zwar den Zutritt zu dem Raum, aber optisch bleibt er erhalten.

„Mit den Gittertüren verwehrt man zwar den Zutritt zu dem Raum, aber optisch bleibt er erhalten.“

Was kann man tun, damit sich die Katze nicht vernachlässigt fühlt, wenn das Baby da ist?

Auch hierüber können sich die werdenden Eltern schon während der Schwangerschaft Gedanken machen. Ich empfehle immer, andere Eltern zu fragen, was sich in ihrem Tagesablauf geändert hat. Wenn man eine Vorstellung davon hat, was sich mit dem Baby verändert, kann man überlegen, was das für Auswirkungen auf den Tagesablauf der Katze hat. Zum Beispiel ist es vielleicht jetzt so: Man steht morgens auf, die Katze schreit und wird als erstes gefüttert. Wenn das Baby da ist, schreit das aber vielleicht auch. Manchmal kann es helfen, einfach darauf zu achten, wer stärker schreit.

„Wenn man eine Vorstellung davon hat, was sich mit dem Baby verändert, kann man überlegen, was das für Auswirkungen auf den Tagesablauf der Katze hat.“

Gibt es noch etwas, das man während der Schwangerschaft hinsichtlich der Katze beachten sollte?

Katzen sind potentielle Träger des Toxoplasmose-Erregers. Infiziert sich eine schwangere Frau damit, kann das gefährlich für das Ungeborene werden. Die Erreger werden unter anderem über den Katzenkot ausgeschieden. Daher sind ein paar Hygiene-Regeln zu beachten. Generell sollte die Frau das Katzenklo am besten nicht sauber machen und diese Aufgabe dem Mann überlassen. Wenn das nicht möglich ist, sollte sie Einmal-Handschuhe und einen Mundschutz zur Sicherheit tragen. Die Frau kann auch testen lassen, ob sie die Erkrankung schon mal hatte. Dann hat sie bereits Antikörper gebildet.

„Generell sollte die Frau das Katzenklo am besten nicht sauber machen und diese Aufgabe dem Mann überlassen.“

Man muss die Katze aufgrund der Toxoplasmose-Gefahr also nicht weggeben?

Nein, das muss man nicht! Man hört die Empfehlung immer wieder. In der Regel gibt es dafür keinen Anlass, wenn man auf eine gute Hygiene achtet. Das Katzenklo sollte täglich mit heißem Wasser und Neutralreiniger gereinigt werden, damit es komplett sauber ist. Und wie gesagt: Hier darf der Mann ran! Die Toxoplasmose-Gefahr besteht übrigens nicht nur in Bezug auf Katzenkot. Die Erreger können zum Beispiel auch über kontaminierte Lebensmittel übertragen werden.

Trotz aller Planung ist für die Mutter alles anders, wenn das Baby da ist. Wie kann der Vater helfen?

Der Vater sollte seine Frau nicht nur mit dem Baby unterstützen, sondern auch an die Katze denken. Häufig sind es die Frauen, die sich vor der Schwangerschaft um die Katzen gekümmert haben. Der Mann sollte ebenso Bezugsperson für die Katze werden, mit ihnen spielen und Leckerlis geben –  und das am besten schon während der Schwangerschaft. Dann ist es nicht so schlimm, wenn die Frau sich mehr um das Baby kümmern muss. Es sollte möglichst wenig für die Katze wegfallen. Das Baby soll ja keine Bestrafung sein: weniger Platz, weniger Zeit, weniger Spaß. Das kann das Paar auffangen, indem es sich abspricht. Zum Beispiel kann der Mann mit den Katzen spielen, während die Frau stillt.

„Das kann das Paar auffangen, indem es sich abspricht. Zum Beispiel kann der Mann mit den Katzen spielen, während die Frau stillt.“

Was kann man sonst noch tun, damit die Katze eine gute Beziehung zu dem Kind aufbaut?

Die Nähe des Kindes sollte für die Katze möglichst mit angenehmen Dingen verknüpft sein. Man muss natürlich nicht beide gleichzeitig auf dem Arm halten. Aber wenn die Katze zum Beispiel mit auf dem Sofa sitzt, kann man ihr ein Leckerli geben oder einen Ball werfen, so verbindet die Katze das Baby nicht nur mit Einschränkungen.

Was muss man sonst noch beachten, wenn das Baby da ist?

Bei Freigängerkatzen sollte unbedingt auf einen guten Wurm- und Zeckenschutz geachtet werden. Generell sollte die Katze tierärztlich gut versorgt sein. Und man sollte sie vielleicht nicht unbedingt das Babygesicht abschlecken lassen. Wenn das Baby mit Krabbeln beginnt, ist das Katzenklo sicher ein Thema. Das kann man einfach erhöht hinstellen oder in einem Schrank unterbringen. Dafür gibt es mittlerweile ganz tolle Boxen und Verkleidungen.

Kann man Katze und Baby miteinander alleine lassen?

Nein, man sollte nie ein Baby oder ein kleines Kind mit einem Tier alleine lassen – egal ob Katze, Hund oder Meerschweinchen. Es kann immer etwas sein. Das Kind macht eine plötzliche Bewegung, die Katze erschreckt sich und haut zu. Oder wenn das Baby schläft: Katzen liegen gerne im Bett und noch lieber im Kinderwagen. Da ist es weich und kuschelig und das Baby riecht gut. Aber wenn eine Fünf-Kilo-Katze auf dem Brustkorb eines Babys liegt, kann das schnell böse enden. Auch wenn man nur mal kurz in den Keller muss, um Wäsche zu waschen, sollte das Kind nicht mit der Katze alleine bleiben. Entweder muss die Katze aus dem Raum oder das Kinderbettchen. Alternativ könnte man das Bett zur Sicherheit mit einem Holzgitter abdecken. Das schadet dem Baby nicht, bietet ihm aber Schutz.

„Auch wenn man nur mal kurz in den Keller muss, um Wäsche zu waschen, sollte das Kind nicht mit der Katze alleine bleiben.“

Wann sollte man sich Hilfe holen, wenn man merkt, dass das Zusammenleben mit Baby und Katze nicht funktioniert?

Wenn sich die Probleme erst eingeschliffen haben, ist es immer schwieriger, sie zu lösen. Es ist besser, schnell Hilfe zu holen, anstatt ein halbes Jahr zu warten. Manchmal gibt es auch Katzen, gerade sehr unsichere Katzen, die mit der Situation überhaupt nicht zurecht kommen. Man kann dann immer noch einiges machen, zum Beispiel über das Clicker-Training zusätzlich Beschäftigung bieten. Man muss aber auch im Auge behalten, wie es der Mutter mit der Situation geht. Manche Mütter kommen an ihre Grenzen mit Baby, Haushalt und Katze. Dann muss man schauen, was in der Situation für alle tragbar ist. Man sollte sich nicht scheuen und sich beraten lassen. Eine außenstehende Person hat den neutraleren Blick auf die Situation.

In der Regel ist ein Zusammenleben mit Katze und Baby aber problemlos möglich?

Ja, in der Regel bekommt man das gut hin. Man sollte sich eben im Vorfeld ein paar Gedanken machen. Dann kann man gemeinsam eine schöne Zeit haben und alle fühlen sich integriert.

Über Katja Rüssel

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Katja Rüssel hat ihr Studium der Tierpsychologie an der ATN Akademie für Naturheilkunde Schweiz absolviert. Seit 2006 arbeitet sie als selbstständige Katzenverhaltensberaterin und konnte bereits vielen Sorgenfällen helfen. Für alle Fragen rund um Verhalten und Erziehung, aber auch generell zur Haltung und Pflege von Katzen, steht sie gerne zur Seite. Auch wer mit seiner Katze clickern möchte, ist bei ihr in guten Händen. Ihr Buch über Clicker-Training wurde letztes Jahr neu aufgelegt. Weitere Informationen finden Sie hier: http://www.therafelis-katzenberatung.de

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Header: ©iStockphoto/NiDerLander
Text: ©iStockphoto/WTolenaars

4 KOMMENTARE
  1. Vielen Dank für das aufschlussreiche und interessante Interview. Wenn es bei uns mal soweit ist, bin ich nun schon wesentlich beruhigter. Wir haben auch noch einen Hund, vielleicht ergibt sich ja mal die Möglichkeit ein Interview zu diesem Thema mit einem Hundepsychologen oder Trainer zu machen…Vielen Dank einstweilen

    • Liebe Betti,

      vielen Dank für dein Feedback! Wir nehmen deine Themenidee gerne auf unsere Liste und schauen, ob wir einen geeigneten Interviewpartner finden. Es kann aber etwas dauern. 🙂

      Liebe Grüße,

      Nicole

  2. Katzen mögen zwar geheimnisvolle Tiere sein, aber dennoch sind sie toll. Wir ahben auch einen kleinen Stubentiger und finden deine Tipps echt gut! Vor allem das angewöhnen an das babygeschrei und an geschlossenen Türen werden wir auf jeden Fall mal ausprobieren!

    LG
    Marie

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